halle-neustadt.info

Logo Halle-Neustadt
Skip to: site navigation/presentation

Schneemann!

Veröffentlicht am Samstag 27 September 2008 15:46:33 von pawel
news.gifBeobachtungen in Halle-Neustadt: "Kinder, wie die Zeit vergeht" von Thomas Heise

Anke Westphal

Im Morgengrauen ist es noch still. Die Fahrt führt durch eine unwirtliche, menschenleere Landschaft, vorbei an den riesigen Kerosintanks einer Raffinerie; auf einem steht das Wort "Total". Dann ist man in Halle-Neustadt, Betonwände, Fensterhöhlen und ein paar Vierecke aus Licht. In einem sitzt eine junge Frau: Jeanette ist 24 Jahre alt und hat zwei Kinder; das erste bekam sie, da war sie erst sechzehn.

Das Baby sei wie ein kleiner Bruder für sie gewesen, erinnert sie sich nun - in diesem Satz steckt auch, dass Jeanette keine Mutter sein konnte. Seit einiger Zeit macht ihr dieser Sohn, Tommy heißt er, Probleme. "Schade drum", sagt die Mutter, und das klingt schrecklich - so als hätte sie diesen Jungen aufgegeben. Jeanette sieht müde aus und ist es auch, müde vom sich Durchwurschteln und wohl auch von der erlebten Gewalt - sie deutet so etwas an. In Halle-Neustadt fühlt sie sich nicht mehr wohl. Früher war das anders, aber früher bedeutet ja auch Kindheit.

Der Regisseur Thomas Heise, 1955 in Ost-Berlin geboren, ist für seine neue Dokumentation "Kinder. Wie die Zeit vergeht" zurückgekehrt an den Ort zweier seiner umstrittensten Filme: "Stau - Jetzt geht's los" (1992) zeigte rechtsradikale Jugendliche unkommentiert in ihrer Normalität; in "Neustadt/Stau - Stand der Dinge" (1999) ging es dann auch um die Familien solcher Jugendlicher; die filmische Erzählung erweiterte sich und mit ihr die Perspektive. Jeanette war die Schwester eines der Neonazis aus "Stau". In "Kinder. Wie die Zeit vergeht" geht es nun um sie und darum, was nach dem Prolog vom Anfang des Films aus ihren bescheidenen Träumen wurde. Es geht auch um ihre Kinder und ihre Eltern.

Sieben Jahre später haben sich Jeanettes kleine Träume erfüllt: Sie hat eine Umschulung zur Busfahrerin abgeschlossen und arbeitet bei den Halleschen Verkehrsbetrieben; ihre Route führt sie auch an den Rand der Neustadt. Sie ist einen Mann begegnet, Guido, der sie offenbar gut behandelt; mit ihm hat Jeanette ein drittes Kind, Annabelle, bekommen. Ihr Sorgenkind Tommy lebt nicht bei ihr und ihrem Mann. Der zweite Sohn Paul hätte das Zeug fürs Gymnasium, doch ihm fehlt die rechte Motivation, und die Mutter rät ihm ab.

Das ist eine der härtesten Szenen dieses Films, der den Begriff "gelingenden Lebens" in einem bestimmten Milieu untersucht. Es ist kein besonders prekäres Milieu; auf Leute wie Jeanettes Familie, Menschen mit bescheidenen Ansprüchen, vorbehaltlichen Zukunftshoffnungen und dem Willen, ein "ordentliches" Leben zu führen, trifft man überall - gerade dies macht Heises Film so universell, dass sein Ort fast schon nebensächlich ist. Man kann sagen, dass Jeanette die Kurve bekommen hat, dass ihr Leben gelungen ist. Doch ihren zweiten, "lieben" Sohn kann sie nicht weiterkommen lassen als dahin, wo sie sich selbst noch auskennt. Die auch eine gewisse Bildungsarmut spiegelnde Sprachlosigkeit, welche Jeanette in der Beziehung zu ihren eigenen Eltern erlebt hat, gibt sie weiter an ihre Kinder. Es fehlen hier indes nicht allein die Worte, um auszudrücken, was man empfindet - es mangelt auch an zärtlichen Gesten. Thomas Heise dokumentiert mit seinem Film ein stummes Drama über drei Generationen, und, bei manchen der Männer, eines der leeren Kraftposen. Der Mund, heißt es im Film, beginne mit einem Schrei. Der Schneemann, so schreibt der Regisseur in den Produktionsnotizen, habe keinen Mund. "Kinder. Wie die Zeit vergeht" versteht Heise als "eine Übermalung" und "eine Beunruhigung" aus dem laufenden Leben.

Der Rechtsradikalismus, bestimmendes Thema der Vorgängerfilme, ist aufgegangen in Heises Artikulationsphänomenologie. Jeanettes Bruder Tino will Neonazi sein; er darf sich erklären und signalisiert damit, dass er verstanden werden will. Wenn man Tommy durch diesen Film gehen sieht, wird einem weh ums Herz. Er ist jetzt fünfzehn, mehrfach sitzen geblieben und will einen Antrag auf Verlängerung seiner Schulzeit stellen. Er weiß aber nicht, warum. Man erkennt in Tommy eine große unerlöste Sehnsucht nach Nähe und eine noch größere Hilflosigkeit. Thomas Heise ist dabei, wenn die Kids von Halle-Neustadt saufen oder Bandenkrieg spielen in verlassenen, abbruchreifen Gebäuden. Wie anderswo im Osten Deutschlands ist auch hier die Abwanderung der Bevölkerung in den Westen begleitet vom sogenannten Rückbau ganzer Wohnviertel.

Das Schweigen, der Stillstand, die Pausen zwischen kargen Auskünften rhythmisieren diesen Film, der immer wieder an Haltestellen Station macht und entfremdete Orte aufsucht, Supermärkte etwa. Heise wartet nicht nur ab, was die Leute so sagen; er fragt nach, er interessiert sich. Dass man ihm hier nach den vielen Jahren der Bekanntschaft immer noch so vorsichtig, ja fast reserviert begegnet, erzählt viel darüber, was den Leuten widerfahren ist. Aber in den Blicken liegt dennoch Erwartung - das ist das Beste.