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Halle-Neustadt – Chemiearbeiterstadt?

Veröffentlicht am Dienstag 11 November 2003 20:20:03 von Dornröschen
scripting.gifHalle-Neustadt – dieses Bauvorhaben gilt als eines der größten in der Geschichte der DDR. Die arbeitende Bevölkerung der nahegelegenen chemischen Industrie musste untergebracht werden, aber es mangelte an passendem Wohnraum. Es musste also neuer geschaffen werden und das Gelände zwischen Passendorf und Nietleben war wie geschaffen dafür. Verkehrsgünstige Lage zu den Produktionsstätten, geringe Höhenunterschiede der Bauflächen, sowie die möglichen Reserveflächen des Areals.
Am 15. Juli 1964 war es dann soweit, der Bau begann mit der Grundsteinlegung durch Horst Sindermann und Richard Paulick wurde zum Chefarchitekten ernannt. Der erste Wohnkomplex wurde 1968 fertig gestellt und bereits im Mai 1967 bekam Neustadt das Stadtrecht.
Doch wie strukturierte sich dieses Bauvorhaben? Eine interessante Darstellung zu diesem Thema finden Sie im erweiterten Text. Ein Auszug aus der Diplomarbeit von Daniel Herrmann.
Daniel Herrmann

HALLE­-NEUSTADT
späte Besinnung auf die Moderne


Prolog
Halle­ Neustadt ist ein Beispiel für die Umsetzung der Idee des »Funktionalen Bauens« in der zweiten Phase des Aufbaus der DDR.
Halle­ Neustadt gilt als das einzige städtebauliche Vorhaben der Nachkriegszeit in Deutschland, bei welchem auf unbebauter Fläche eine nahezu autonome Stadt entstand. Größere Bauvorhaben, Berlin- Marzahn und Leipzig- Grünau, tragen dennoch nur den Charakter eines Stadtgebietes.
Halle­ Neustadt war prägend für spätere städtebauliche Projekte in der DDR und besitzt somit eine besondere architekturhistorische Bedeutung für das heutige Bundesgebiet.
Um diese Stadt jenseits des vorherrschenden Urteils über sozialistische Profanbauten verstehen zu können, bedarf es einiger Kenntnis über Städtebau im Allgemeinen und dem Ursprung der Idee vom funktionalen Bauen im Besonderen. Bevor ich also zur Geschichte Halle­ Neustadts komme, zunächst ein Rückblick auf die Zeit, als Städteplanung erstmalig zur hervorragenden Aufgabe der Architekten wurde.

Berlin in den Zwanzigern
So lässt Alfred Döblin in seinem Roman »Berlin Alexanderplatz« die Buchgestalt Franz Bieberkopf sinnieren: "So ist kaputt Rom, Babylon, Ninive, Hannibal, Cäsar, alles kaputt, oh, denkt daran. Erstens habe ich dazu zu bemerken, dass man diese Städte jetzt wieder ausgräbt, wie Abbildungen in der letzten Sonntagsausgabe zeigen, und zweitens haben diese Städte ihren Zweck erfüllt, und man kann nun wieder neue Städte bauen. Du jammerst doch nicht über deine alten Hosen, wenn sie morsch und kaputt sind, du kaufst neue, davon lebt die Welt."(1) Döblins Roman ist auch Chronik für die Umgestaltung Berlins unter Regie des Stadtbaurates Martin Wagner 1926­33.
"In rascher Folge häufen sich die Wettbewerbe, die ausgeschrieben werden, um dem Leben der Großstadt jene Bewegungsfreiheit zu schaffen, ohne die sie verkümmern müsste." (2)
Wagner bot zahlreichen Architekten die Möglichkeit des neuen Bauens in Berlin sowohl beim Siedlungsbau in der Peripherie als auch beim innerstädtischen Umbau­ und Neubauprojekten. In der Zeit zwischen den Weltkriegen entstanden in Berlin neue städtische Siedlungen (Siemensstadt, Hufeisensiedlung, Onkel­Toms­Hütte, Schorlemmerallee, Wohnstadt Carl Legien). Umfangreichere Projekte im Zentrum der Stadt werden ausgeschrieben, aufgrund von Geldnot wurden jedoch nur einzelne Konsumbauten und Verwaltungsgebäude als Auftragsarbeiten jenseits solcher Wettbewerbe (Reichstagserweiterung, Alexanderplatz, Unter den Linden, Anlagen Potsdamer Bahnhof und Anhalter Bahnhof, Potsdamer­, Leipziger Platz) realisiert. Die Zeit nach dem Krieg bis zur Machtergreifung durch die Nazis war knapp. Mit der Machtübernahme verließen viele Architekten das Land, auch Martin Wagner muss gehen und Hitler hat »Größeres« vor mit der Hauptstadt des Reiches. Albert Speer plant die Große Achse mit der »Halle des Volkes« und dem Triumphbogen, als Interruptus funktionalen Bauens.

Die Entwicklung der Städte vom Mittelalter bis zur zweiten Industrialisierung
Doch zurück zur Entstehung der Moderne und der Historie des Städtebaus. Schon bei Le Corbusiers berühmter »Charta von Athen« stellt sich die Frage: Ist das in Punkt 71. der Charta genannte »Chaos« der Städte erst mit Beginn des Jahrhunderts ganz plötzlich in Erscheinung getreten? Und wer hatte es verursacht?
Die ursprüngliche Fassung der »Charta von Athen« entstand 1933 als Ergebnis des IV. CIAM­ Congrès Internationaux d'Architekture Moderne, der an Bord des Schiffes Patrés zwischen Marseille und Athen unter dem Motto »die funktionale Stadt« tagte.
Ein Auszug des 3. Teils »Schlussfolgerungen, Lehrsätze« aus der Charta (Version 1943), oben gestellte Frage betreffend:
"71. Die Mehrzahl der untersuchten Städte bietet heutzutage das Bild des Chaos: sie entsprechen in keiner Weise ihrer Bestimmung, die vordringlichen biologischen und physiologischen Bedürfnisse ihrer Einwohner zu befriedigen.
72. Diese Situation enthüllt die unaufhörliche Aneinanderreihung von Privatinteressen seit dem Beginn des Maschinenzeitalters." (3)
Mag sein, dass Corbusier Friedrich Engels Schrift über »Die Lage der arbeitenden Klasse in England« gelesen hat. Engels schildert in seinem Bericht von 1845 "nach eigener Anschauung und authentischen Quellen" den Vollzug der industriellen Revolution, die entstehende Landarmut, die Stadtflucht der Menschen, die Herstellung der Kommunikation und die Ballung großer Städte. Und als hätte Corbusier aus diesem Text sein Programm formuliert: "Die brutale Gleichgültigkeit, die gefühlslose Isolierung jedes einzelnen auf seine Privatinteressen tritt um so widerwärtiger und verletzender hervor, je mehr diese einzelnen auf den kleinen Raum zusammengedrängt sind; und wenn wir auch wissen, dass diese Isolierung des einzelnen, diese bornierte Selbstsucht überall Grundprinzip unserer heutigen Gesellschaft ist, so tritt sie doch nirgends so schamlos unverhüllt, so selbstbewusst auf als gerade hier im Gewühl der großen Stadt. Die Auflösung der Menschheit in Monaden, deren jede ein apartes Lebensprinzip und einen aparten Zweck hat, die Welt der Atome ist hier auf ihre höchste Spitze getrieben."(4)
Die industrielle Revolution, ein von Friedrich Engels geprägter Begriff, bezeichnet die beginnende radikale Änderung der Produktionsleistungen, des Produktionsapparates in der 2. Hälfte des 18.Jahrhunderts; in der Mitte des 19. Jahrhunderts folgte die Revolutionierung des Verkehrswesens. Aber die erste allmähliche Veränderung der Städte liegt noch weiter zurück. Im mittelalterlichen Europa erhalten immer zahlreicher werdende Gemeinden (Marktplätze) Stadtrecht, sie gelten als Umschlagplatz für agrarische Produkte jenseits vom feudalen Herrenhof. Im Zuge städtischer Erfindungen zur Verbesserung der landwirtschaftlichen Produktionsbedingungen entwickelten sich Handwerk und Handel zu relevanten Wirtschaftszweigen. Es kam zur Häufung liquiden Kapitals innerhalb der Stadt, die politische Autonomie der Städte wurde zuletzt mit ihrer Bewaffnung und der Stadtbefestigung besiegelt. Die Stadt drängte sich innerhalb ihrer Stadtmauern, die durch Wachstum und verbesserte Produktionsmethoden in der Landwirtschaft entstehende Überschussbevölkerung zog in Bürgerkriege gegen das alte Feudalsystem. Die wirtschaftlichen Errungenschaften der Städte und ihre Form der Verwaltung erhielten fortlaufend Bedeutung für die entstandenen frühkapitalistischen Staaten.
Die einzelnen Städte verloren später ihre Autonomie an die Hauptstädte der Länder. Mit Vervollkommnung der Feuerwaffen kam es zur Schleifung der letzten überflüssigen Mauern, die Stadt wuchs ins Land. Das Zentrum mit Gebäuden der Verwaltung wie Kirchen und Rathaus, Münze und Waage und der Anzahl der Bürgerhäuser der Stadt blieb erhalten. Mittelalterliche Gassen und Fußwege zwischen den Häusern wurden zu Straßen verbreitert, Höfe und Häuser mussten dem Transportwesen weichen. Mit der Anlage erster geradliniger Straßen (Haupttransportwege wurden rechtwinklig von Nebenstraßen gekreuzt) war der neue Stadtplan erkennbar. "Damit wurde erst der Blick für perspektivisches Sehen freigegeben, Fluchtpunkte wurden sichtbar gemacht."(5)
Breite Handelswege führen zu nächstgelegenen Städten und tragen bis heute deren Namen. In folgenden Kriegen (z.B.. Napoleonische Kriege) werden diese Wege zu Heerstraßen verbreitert, um Soldaten und Rüstzeug reibungslos durchziehen zu lassen. An Stelle der Stadtmauern entstanden Ringstraßen, deren Verlauf bis heute nachvollziehbar ist.
Mit der Umgestaltung der baulichen Struktur der Städte entstanden geometrische Muster, welche wiederum gezielt als Formsprache (der Baustils des Barocks mit ästhetischen Neuerungen wie Symmetrie, Blickachse ­ Fluchtpunkt, geometrischer Form und Ornament)beim Bau herrschaftlicher Architektur aufgenommen wurden. Schlossstraßen, höfische Gartenanlagen und das Stadtbild selbst lassen dies deutlich erscheinen. Die städtebauliche Planung des frühen Kapitalismus, bis in dieses Jahrhundert hinein, fand daran Orientierung. Der Fortbildung der vorgefundenen architektonischen Ideen konnte nichts Neues hinzugefügt werden, der Architektur des 19. Jahrhundert dienten jeweils historische Stile als direkte Vorlage. Der Klassizismus als Gegenbewegung zu Barock und Rokoko ist dem Historismus verwandt. So besitzen selbst Fabrikanlagen prunkvolle Straßenansichten, Unternehmervillen gleichen Miniaturschlössern, Parlamentsgebäude wirken wie Paläste früherer Monarchen, und die Fassadenarchitektur der Mietskaserne ist im Palaisstil errichtet.
Mit der Entstehung weiterer Fabriken im Zuge der Industrialisierung großer Teile der Produktion, zu Beginn des 19. Jahrhunderts und der sich daraus ergebenden Arbeitsteilung und Spezialisierung wurde die Einheit von Arbeit und Wohnen durchbrochen. Die Arbeiter aus den Vororten liefen zu den nahegelegenen Manufakturen, die dort hergestellte Ware wurde in den Städten angeboten, einzelne Materialien hierfür wurden in verschiedenen Fabriken gefertigt, somit mehrten sich die Ansprüche an Transport und Verkehr. Einstige Marktplätze wurden befestigt, vor den heute bekannten Warenhäusern entstanden Markthallen in allen Teilen der Stadt. Weitere Wohnviertel für Arbeiterfamilien kamen hinzu, um dem wachsenden Bedarf der Industrie an Arbeitskräften gerecht zu werden. Wohlhabende drängte es schon längst aus der Enge der Stadt in neugebaute Villenviertel, fern von den Mietskasernen, den Heimstätten der Arbeiter.
Dr. Hans Hildebrandt, in den zwanziger Jahren Professor an der Technischen Hochschule Stuttgart , beschreibt die beträchtliche Entwicklung der Städte in den letzten hundert Jahren vor cirka 1925: "...der Aufschwung der Industrie und der Übergang zum Eisenbahnbetrieb sind neben der Bevölkerungsvermehrung die treibenden Ursachen. Im letzten Drittel dieser Zeitspanne aber vollzieht sich eine neue, noch tiefgreifendere Umwälzung. Die Stadt von heute, die Großstadt ist, oder den Weg zu ihr beschritt, hat mit der Stadt um 1900 dem innersten Wesen nach wenig mehr gemein.
Bis vor kurzem hatte die Stadt einen Kern, der, meist wenig umfangreich, die wichtigsten Bauten barg: Schloss, Kirchen, Rathaus und andere öffentliche Gebäude in nächster Nähe des Marktes, Museen, Theater, Versammlungs-­ und Konzerthallen, Patrizierhäuser, die vornehmsten Läden. Ein paar Hauptstraßen genügten zur Regelung des Fußgänger­ und des spärlichen Wagenverkehrs, selbst noch zum Betriebe einzelner Straßenbahnen. Weiträumige Villen­, enggebaute Arbeiterviertel schlossen sich an. Die Fabriken bildeten, günstigen Falles, den äußeren Gürtel, schoben sich aber oft auch bis in die Nähe des Kernes vor. Der Bahnhof am Rande des alten Stadtkerns, bei wachsendem Stadtumfang Mehrheit untereinander nicht verbundener Bahnhöfe. Typisch: Berlin, Paris. Dieses Schema ist unzureichend, ist unerträglich geworden."(6)

Die Entstehung neuer Architektur und die Entwicklung der Moderne
Nach dieser knappen Schilderung der Entwicklung unserer Städte wird im Ergebnis klar: Stadtplanung war immer auch funktional bedingt. Was insbesondere auch Corbusier unter funktionalem Städtebau versteht, betrifft die Ästhetik eines »Neuen Bauens«. Laut diesem Gedanken ist schon die Gestalt der einzelnen Gebäude zeitgenössischer Städte zu verachten. Adolf Loos nimmt Corbusiers Kritik an historisch überkommenen Baustilen (Historismus, Eklektizismus) in seiner 1906 verfassten Schrift »Ornament und Verbrechen« vorweg. Die Planung soll sich allein auf die Funktion beschränken, dies wird ein ästhetisches Merkmal bleiben, unberührt von Beat Wyss' Frotzelei " Doch >das VolkKunst< in die Industrie hineinzutragen."(11)
Nachdem Peter Behrens 1907 von Emil Rathenau zum künstlerischen Berater der AEG berufen wurde, entstand die AEG­ Turbinenfabrik (Berlin, 1909). Trotz schwerer, tempelartiger, vorgesetzter Fassade bleibt sie Zeichen neuer Architektur am Anfang des Jahrhunderts. In Behrens Atelier sammelten Adolf Meyer, Walter Gropius, Mies van der Rohe und Charles­ Edouard Jeanneret (der spätere Le Corbusier) erste Erfahrungen mit Stahl und Glas. Aufsehenerregende Industriebauten wie die Fagus­ Werke (W. Gropius u. A. Meyer, Alfeld a. d. Leine, 1911) zeigten, dass sie über ihren Lehrer hinausgewachsen waren.
Im selben Jahr, 1907, wurde der Deutsche Werkbund als Gemeinschaft von Künstlern, Architekten, Industriellen und Technikern gegründet.(Als Begründer: P. Behrens, H. Muthesius, J.M. Olbrich, R. Riemerschmid, H. Van de Velde, K. E. Osthaus u.a.m.; andere kamen hinzu: W. Gropius, 1910). Der Österreichische und der Schweizer Werkbund kamen hinzu.
Der Werkbund prägte die »gute Form« in den Bereichen der Arbeit (Industrie, Kunst, Handwerk und Gewerbe),seine Mitglieder initiierten internationale Ausstellungen (1.WBA, 1910 in Paris). Auf der Tagung­ Werkbundausstellung 1914 in Köln definierte Hermann Muthesius die Aufgabe der Vereinigung, die Typenbildung für die Industrie, und bekennt sich somit zur Maschinisierung von Qualität. Henry van de Velde widersprach, er befürchtete die Aufgabe schöpferischer Freiheit. Mit dem Anspruch, die Produktionsästhetik der Industrie und deren Produkte zu kultivieren, verlieh ihr der Werkbund auch die ethische Absicherung.
Nach dem Weltkrieg folgten weitere Ausstellungen, sie waren jeweils als Siedlungen konzipiert, dies als Zeichen der Zeit (Stuttgart,1927; Breslau­ Grüneiche, 1929, Zürich­ Neubühl, 1931; Wien, 1932).
Die Armut und die Wohnungsnot erforderten den raschen Bau erschwinglichen Wohnraums. Die vielleicht wichtigste Ausstellung des Werkbundes nach dem Krieg, Stuttgart 1927, war die Weißenhofsiedlung. Die Organisation der Bebauungsplanung unter der Leitung von Mies van der Rohe und Ludwig Häring ließ den einzelnen Architekten Spielraum für die Umsetzung ihrer Entwürfe (W. Gropius, Le Corbusier und P. Jeanneret, J. J. P. Oud, H. Scharoun, A. Schneck, M. Stamm, M. Taut). Obwohl einzelne Häuser der Siedlung noch nicht als direktes Muster für rationalisierten Bau dienen konnten, so wurden die Ansätze hierfür deutlich. Die Grundrisse der Wohnungen ermöglichten eine an den jeweiligen Bewohner angepasste Aufteilung der Räume bei geringer Grundfläche. Die für den Bau maßgeblichen Konstanten wurden auf tragende Teile und die Versorgungsstränge des Hauses (Leitungen in Küche und Bad) beschränkt.
"Gropius und Max Taut widmeten bautechnischen Fragen­ selbstverständlich unter Berücksichtigung einer guten Grundrisslösung­ ihre Aufmerksamkeit. Le Corbusiers und Pierre Jeannerets Häuser demonstrierten ihre Erfahrungen mit der freien Grundrissgestaltung und mit der Trennung von tragenden und nichttragenden Teilen."(12) Auf einer Tagung internationaler Architekten in Stuttgart, am Rande des Baugeschehens um die Weißenhofsiedlung, wurden Erfahrungen und gemeinsame Ziele erörtert. Auf einer weiteren Tagung in La Sarraz (Schweiz), ungefähr ein Jahr später, im Juni 1928, wurde der CIAM (s.o.) gegründet. Die Übereinkunft der internationalen Architektengruppe erfolgte in einer gemeinsamen Erklärung:
"... Die Aufgabe des Architekten ist es deshalb, sich in Übereinstimmung zu bringen mit den großen Tatsachen der Zeit und den großen Zielen der Gesellschaft, der sie angehören, ... Sie lehnen es infolgedessen ab, gestalterische Prinzipien früherer Epochen und vergangener Gesellschaftsstrukturen auf ihre Werke zu übertragen, sondern fordern eine jeweils neue Erfassung einer Bauaufgabe und eine schöpferische Erfüllung aller sachlichen und geistigen Ansprüche an sie. ... So wird es ihnen eine Selbstverständlichkeit, dass sie ihre besondere Aufmerksamkeit auf neue Baustoffe, neue Konstruktionen und neue Produktionsmethoden richten ..." (13)
In der Charta von Athen (1933) wird man die Inhalte dieser Erklärung wiederfinden.
Als wichtige gesellschaftliche Strömung, insbesondere in der Zeit vor dem 1. Weltkrieg, muss man den Futurismus begreifen. Am prominentesten trat der italienische Futurismus hervor. Dessen Mitbegründer F. T. Marinetti, Verfasser des »Manifest des Futurismus «, beanspruchte für diese Bewegung den Begriff »Avantgarde«. Der Verherrlichung der Ästhetik der Maschine, folgte der geistige Bildersturm alles bisher da Gewesenen. Aus dem »Manifest des Futurismus«, 1909 im »Figaro« erschienen (Auszug):
"9. Wir wollen den Krieg verherrlichen ­ diese einzige Hygiene der Welt ­ den Militarismus, den Patriotismus, die Vernichtungstat der Anarchisten, die schönen Ideen, für die man stirbt, und die Verachtung des Weibes.
10. Wir wollen die Museen, die Bibliotheken und die Akademien jeder Art zerstören und gegen den Moralismus, den Feminismus und gegen jede Feigheit kämpfen, die auf Zweckmäßigkeit und Eigennutz beruht.
11. Wir werden große Menschenmengen besingen, die die Arbeit, das Vergnügen oder der Aufruhr erregt; besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen; die Brücken ..." (14)
Das Bild der futuristischen Stadt (Antonio Sant'Elia, Città Nuova, 1913/14) war geprägt vom Geist der Maschine. Gemeint sind hochgeschossige Häuser aus Beton, Glas und Eisen, ohne Dekoration, Fahrstraßen befinden sich auf mehreren Ebenen unter der Erde, Aufzüge und Rolltreppen befördern die Menschen in kurzer Zeit zwischen den Ebenen und jeweiligen Etagen.
Solche Visionen wurden begierig von damaligen Architekten aufgenommen(vgl. Le Corbusier 1928 »Städtebau­ Unsere Mittel«). Soziale Beweggründe bei einer Planung fanden keine Berücksichtigung, es sei denn die Beziehung des Menschen zur Maschine, als »neue Alliierte«. Antonio Sant'Elia, Verfasser des oben beschriebenen Manifestes futuristischer Architektur ist auf einem Schlachtfeld des Weltkrieges gefallen. Die Ernüchterung nach dem Krieg ließ die Verfechter des Futurismus verstummen, das vorhandene geistige Potential jedoch diente den Ideologen der zweiten Mobilmachung dieses Jahrhunderts. (15)

Das Bauhaus
Nachdem Henry van de Velde, Erbauer (1907) und mit Beginn des Krieges 1914 Leiter der Großherzoglich Sächsischen Kunstgewerbeschule in Weimar diese Stellung aufgab, empfahl er unter anderen Walter Gropius für die künftige Leitung der Schule. Gropius´ Konzeption war noch 1915 in der Tradition der Schule dem Handwerk zugewandt. Er übernahm 1919 die Leitung der Schule, welche im Zuge des Zusammenschlusses mit der Großherzoglich Sächsischen Hochschule für bildende Kunst in erster Zeile »Staatliches Bauhaus« in Weimar genannt wurde. Die handwerklich ausgerichtete Konzeption für die Schule verlor ihre Bedeutung, im Programm ist die »Fühlung« mit der Industrie schon erwähnt. Dieses Bekenntnis wird sich steigern. In Werkstätten entstehen Formen und Prototypen für die industrielle Fertigung. Mit der Errichtung des Bauhausgebäudes (W. Gropius 1925/26, Mitarbeit: C. Fieger und E. Neufert) in Dessau, und nach dem vollständigen Umzug des Bauhauses in sein neues Domizil (die politische Situation seit den Wahlen in Thüringen 1924 drängte dazu), fand auch die Siedlungsplanung an der Schule größte Bedeutung.
Als der damalige Bürgermeister von Dessau, Fritz Hesse, den Platz für das neue Gebäude anbot, hatte er die Gedanken von Gropius »Rationalisierung und Technisierung« des Bauens (vgl. Weißenhofsiedlung, s.o.) wohl vernommen. Die wachsende chemische Industrie um Dessau und die nahegelegenen Junkers­ Werke vermehrten die Zahl der Arbeiter und Angestellten in der Stadt. Der Bau neuer Siedlungen war erforderlich.
Am 1. April 1927 wurde die Bauabteilung der nunmehr städtischen Schule in Dessau gegründet. Man muss es der steten Entwicklung des Bauhauses zuschreiben (von der künstlerischen Lehre, den Handwerksklassen, zur konkreten Produktentwicklung), dass bereits mit der Bauhausausstellung 1923 Vorschläge für den Siedlungsbau erbracht wurden (Haus am Horn, G. Muche, Weimar 1923), aber eine solche Abteilung am Bauhaus zu diesem Zeitpunkt noch nicht existierte.
Es gab genügend Auseinandersetzungen am Bauhaus, welche den Zwiespalt zwischen neuer kunsthandwerklicher Arbeit und Typenbildung für die industrielle Fertigung thematisierten. Innerhalb des Lehrkörpers wurde dem möglichen Wandel des Bauhauses zu einer Architekturschule gedroht.
Im Rahmen der Ausstellung der Weimarer Werkstätten 1923 initiierte Gropius eine Architekturausstellung (F. Forbat, E. Gutkind, E. Mendelsohn, G. Muche u.a.m.). Fred Forbat stellte mit Gipsmodellen und Zeichnungen den »Wabenbau« vor. Einzelne Raumquader ergeben, nach jeweiligem Anspruch unterschiedlich angeordnet, das Haus als Ganzes. Der Vorteil dieses »Baukastenprinzips« liegt in der Vorfertigung der Quader und der Variabilität ihrer Anordnung. Der Wabenbau als Schema für industrielle Typenbildung sollte somit preiswertes Bauen ermöglichen, er diente als Beispiel für den späteren Städtebau. Die Forbatschen Typenentwürfe entstanden in Folge früherer Ideen von Gropius.
In der Dessauer Zeit des Bauhauses entstanden die Meisterhäuser (W. Gropius, 1925­26, Dessau) in Fortsetzung des »Baukastenprinzips«. Kuben, welche die einzelnen Räume bedeuteten sollten in unterschiedlicher, bedarfsgerechter Anordnung (z.B. Anzahl der Mieter) als Variable gelten. Die Verwendung gleicher Bauteile, Räume nach ihrer Funktion bestimmt (Wohnräume, Arbeitszimmer, Bad und Küche), sollte die Rationalisierung im Bau ermöglichen. Die verschiedenen Möglichkeiten der Anordnung solcher funktionsgeprägter Kuben bedeuteten ein Gestaltungsmittel gegen die Uniformität etwaiger Siedlungen. Der Begriff »Tektonik« muss hier zutreffen.
Bei den Meisterhäusern in Dessau lässt sich zwar die strenge geometrische Form leicht nachempfinden, auch die Anordnung einzelner Würfel (Grundriss, Abstufungen in der Höhe) scheint ersichtlich, jedoch bleibt die gepriesene Variabilität eine Idee und wird an dieser Stelle nicht vorgeführt. Für Individualität der Räume im Inneren des Musterhauses sorgten verschiedenfarbige Anstriche, geplant durch die Malklasse der Schule, im übrigen war man bestrebt, den Mustercharakter der Räume auch durch Mobiliar aus den Werkstätten hervorzuheben.
In den Jahren 1925­28 entstand die Bauhaussiedlung Dessau­ Törten. Aufgrund systematischer Fertigung vorgeplanter Konstruktionselemente konnten in kurzer Zeit über 300 Einfamilienreihenhäuser gebaut werden. "Die Anwendung aller Rationalisierungsmöglichkeiten sollte ein Herabdrücken der Mieten ermöglichen. Aufgrund des fließbandähnlichen Bauverfahrens, dem die in einem Diagramm festgehaltene Analyse der Bauabfolge vorangegangen war, konnten zur Eröffnung des Bauhausgebäudes bereits zwei fertige Häuser vorgestellt werden." (16)
Um die Möglichkeit maschineller Vorfertigung von ganzen Bestandteilen eines Hauses zu prüfen, entwirft Marcel Breuer (Meister der Bauhaustischlerei 1925­28) den Plan eines Montage­ Kleinhauses aus Stahl (1926), der Bau eines Metalltypenhaus wird 1925, nach Entwürfen von Georg Muche, in Dessau­ Törten ausgeführt (Muche und Richard Paulick, in Zusammenarbeit mit der Carl Kästner AG).
Mit der Erweiterung der Siedlung Törten, dem Bau der Laubenganghäuser (H. Meyer, 1928), wird das Reihenhaus zur mehrgeschossigen Wohnhauszeile. Die Richtung sei hiermit angegeben: Flachbauten werden zu Hochbauten. Natürlich steht für den wachsenden Bedarf an Wohnraum nicht unendlich viel Bauland zur Verfügung.
Im Zuge der Einrichtung der Architekturabteilung 1927 wird Hannes Meyer als Meister der Architekturklasse an das Bauhaus berufen. Die Futuristen (später Gropius, Le Corbusier u.a.) hatten bereits Wohnen in die Nähe mechanisierter Vorgänge gerückt, in Folge war wohl mehr die Schaffung von Wohnraum, als das Wohnen selbst damit gemeint. Nachdem der Begriff »Wohnmaschine« schon geprägt war, widmete sich Meyer der Analyse sämtlicher möglicher Abläufe des Wohnens und des Lebens im und um das Haus.
Die Irin Eileen Gray hatte in den Zeichnungen für das Haus E.1027 (E. Gray, Jean Badovici, 1929 Roquebrune (Frankreich)) den Verlauf der Sonne markiert und mögliche Wege der Bewohner in Strichellinien vorempfunden, vom Bett aus konnte man sehen, ob Post im Kasten lag. Die Konzeption Eileen Grays für das Haus war nicht zuletzt an Richtlinien Le Corbusiers orientiert, er selbst verbrachte einige Sommertage in dem Haus am Meer. Das Gebäude bedeutet sowohl Gleichnis als auch Gegensatz zu Meyers Analyse, es war funktional ausgerichtet, jedoch nie für den Mindestlohnempfänger konzipiert. Die Analyse von Meyer betraf sowohl soziale und psychologische als auch biologische und technische Fragen des Wohnens (Art der Arbeit und Aufgaben der Person; ortsgebundene Baustoffe; Klima, Sonne, Flora, Boden).
Meyers Pläne (Bundesschule des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, Bernau 1928­30) sollten neben technischen Aspekten funktionalen Bauens die soziale Komponente berücksichtigen: Erholung, Sport und Freizeit, die Lage zur Natur, das mögliche Verhältnis der Menschen untereinander. Die einzelne Person sollte erst in der Gemeinschaft Betrachtung finden, so verstand Meyer auch die Arbeiten innerhalb der Architekturklasse als kollektive Arbeit der »Entwurfsbrigade« (17) Meyer bekannte sich eben auch zum Sozialismus. In der Zeit des Weimarer Bauhauses (1919­23) sind verschiedene geistige Auffassungen der Meister selbst in die Ausbildung am Bauhaus eingeflossen: die religiös orientierte Mazdaznanlehre unter Muche und Itten, De Stil mit Theo van Doesburg (1921­22). Die KURI­ Gruppe (konstruktiv, utilitaristisch, rational, international) wurde nach Vorbild russischer und niederländischer Konstruktivisten von Schülern gegründet.
Das Bauhaus entwickelte sich von der anfänglich expressiven, dem Handwerk verbundene Phase, über eine, die Formensprache entwickelnde konstruktivistische Phase, in welcher bereits die Grundlage für erste Prototypen erarbeitet wurde (s.o., Gründung des Bauhauses). Es folgte die funktional ausgerichtete Phase, welche auf die industrielle Fertigung und die Werbung für etwaige Produkte zielte. Als Hannes Meyer 1928 nach Gropius die Stelle des Direktors annahm, waren die einzelnen Produkte des Bauhauses schon mit dem Begriff des Bauhausstils verbunden (s.o. A. Loos ­ Corbusier, Kunst und Industrie). Meyer wollte das Ziel des Bauhauses verbreiten, seine Analyse sollte es definieren helfen.
Die industrielle Produktion von Gütern für die Gemeinschaft, gemeinschaftlich erarbeitet in der »Entwurfsbrigade«, erforderte einen gewissen Grad an Universalität. Sind bisherige Produkte des Bauhauses, schon allein kostenbedingt, immer auch Güter für die Mittelschicht gewesen, strebte Meyer nach preiswerten Lösungen für untere Einkommensschichten.
"Indem Meyer jedoch selbst die individuellsten Eigenschaften des Menschen, seine seelischen und psychologischen Bedürfnisse nach Analyse zu systematisieren suchte, geriet er zwangsläufig dahin, ihn auf seine allgemeinen Merkmale zu reduzieren, und in der Praxis eine Gestaltung des gemeinsamen Nenners zu verfolgen. Dies erklärt, weshalb die reale Architektur, wie auch viele Bauhaus­ Produkte der Ära Hannes Meyer nicht frei sind von formalen Gemeinsamkeiten und einen Funktionalismus zur Schau tragen, wie er technischer und rationaler kaum sein konnte." (18)
Bereits 1930 musste Meyer seinen Posten aus politischen Gründen aufgeben, der Bürgermeister von Dessau drängte dazu, ebenso wie einzelne Lehrkräfte der Schule. Meyer ging in die Sowjetunion. Ludwig Mies van der Rohe, der letzte Bauhausdirektor nach W. Gropius und Hannes Meyer, verwies eine Zahl kommunistischer Studenten von der Schule. Die politische Situation in Deutschland mag dies erklären, selbst liberale Kräfte mussten sich zwischen linken und rechten Extremen bekennen.
Mit Mies van der Rohe erhielt der Architekturunterricht am Bauhaus vorrangige Bedeutung. Im Gegensatz zu Meyers Analyse funktionaler und sozialer Aspekte, richtete Mies van der Rohe in seinem Unterricht sein Hauptaugenmerk auf die Baukunst an sich. Die Räume seiner Häuser (Haus Lange und Haus Esters, Krefeld 1927­30) zeichnen sich durch ihre Offenheit aus, weite Glasfronten zum Garten lassen das flach angelegte Haus, die Terrasse und den Garten zu einem Raum verschmelzen. Ebenso scheinen dank breiter Glasfassaden sowohl beim Barcelona Pavillon (1928) und der Neuen Nationalgalerie in Berlin (1962­ 67) die jeweiligen Freiflächen vor den Gebäuden schon Bestandteil des Vorraumes selbst zu sein.
Im Zusammenhang mit dem Wettbewerb der Turmhaus AG für ein Hochhaus (Berlin, Bahnhof Friedrichstraße) plante Mies van der Rohe ein »Glashaus«. Das Gebäude sollte nach neuen Konstruktionsprinzipien keine tragenden Außenwände besitzen, sondern eine vorgehängte Glasfassade. Die Offenheit der Räume nach außen wurde auch bei dieser Planung bedacht.
Am Bauhaus widmete man sich unter Mies van der Rohe dem Einfamilienhaus, welches im Serienbau vervielfältigt, auch für die Siedlungsplanung eingesetzt werden könnte. Er selbst beteiligte sich weniger an der Planung für sozialen Wohnungsbau.
Ludwig Hilberseimer konstruierte mit Schülern der Gruppe »Städtebau« ein fiktive Siedlung für Arbeiter der Junkers­ Werke. Der Lageplan der Siedlung zwischen Junkers­ Werken und Flugplatz (die Schüler Jacob Hess und Selman Selmanagic, 1932) sah für die Siedlung neben Schulgebäuden, dem Krankenhaus, einem Club­ Cafe, Kindergärten und Sportstätten, auch einen Versammlungssaal und Kommunehäuser vor. Eine Auflistung sozialer Einrichtungen, welche dem Programm späterer sozialistischer Wohnkomplexe gleicht.
Hilberseimer wurde 1929 von Hannes Meyer an das Bauhaus berufen, um Unterricht in Wohnungs­ und Städtebau zu geben. Parallel zum Bau des kleinen Siedlungshauses beschäftigte sich Hilberseimer mit dem Großstadtbau.
Bauhausarchitekten nahmen an den bereits erwähnten Wettbewerben um den Ausbau Berlins teil. Sie betraten somit das Planungsfeld sogenannter Großstadtbebauungen (W. Gropius, L. Hilberseimer, L. Mies van der Rohe). Selbst Marcel Breuer, als Leiter der Bauhaustischlerei bereits mit dem Kleinmetallhaus (s.o.) als Architekt hervorgetreten, beteiligte sich an solchen Entwürfen (Umgestaltung Potsdamer­ Leipziger- Platz, 1929). In der Städtebauklasse prüfte Hilberseimer mit seinen Schülern die Möglichkeit der Kombination von Hochhäusern und kleinen einzelnen Gartenhäusern, seine Entwürfe hierzu ähneln den Plänen Le Corbusiers (Une Ville Contemporaine, 1922).
Hilberseimer ermittelte die Bewohnerdichte verschieden großer Häuser bei gleichbleibenden Ansprüchen an »Besonnung« und Hygiene, wobei sich bei dieser Untersuchung die Mischbebauung als städtebaulicher Idealtyp erwies (Hochhäuser und Gartenhäuser).Unter Ausnutzung der Baufläche wäre eine Vielzahl kleiner Häuser nach oben genannten Ansprüchen zweckmäßiger als weitläufig angelegte Hochhausstädte. Seine Entwürfe (Schema einer Großstadt, 1924) gleichen dem Bild solcher Städte wie Halle­ Neustadt, wobei Hilberseimer nie den Anspruch besaß, diese Versuche auf Papier in die Realität umzusetzen. Hilberseimer bedauert später die Umsetzung dieser Pläne und Zeichnungen, die er nur als Gedankenspiele ansah.
Nachdem die Nazis 1933 die Arbeit der Dessauer Schule verboten hatten, zog das Bauhaus in das Gebäude einer alten Telefonfabrik nach Berlin, wo es wenig später auch geschlossen werden musste.

Manifeste, Theorien und Zusammenschlüsse
Dennoch: Die Situation der Zeit machte diese das Jahrhundert prägende Entwicklung des »Neuen Bauens« erst möglich. Die schlechten wirtschaftlichen Verhältnisse in den am Krieg beteiligten Ländern bedeuteten auch für die Architekten Warten auf Aufträge. Die Zeit nach 1918 zwang zur Theorie, da praktische Umsetzungen aufgrund des akuten Geldmangels unmittelbar nach dem Krieg kaum möglich waren. Es galt die Entwicklung neuer Ideen des Bauens der Vorkriegszeit mit ihren im einzelnen hervorragenden Konstruktionsprinzipien (Jahrhunderthalle, M. Berg, Breslau, 1913) weiter fortzuführen. Ein reger Austausch zwischen den Architekten in Form von Ausstellungen und Publikationen theoretischer Schriften führte zu festen Verbindungen und der Formulierung gemeinsamer Programme. Gemeint sind Zusammenschlüsse, wie die Architektengruppe »Der Ring« (Gropius, Häring, Hilberseimer, Mendelsohn, Mies van der Rohe, Poelzig, Bruno u. Max Taut, Wagner u.a.m.) und der »Arbeitsrat für Kunst« (1918), der Briefwechsel der »Gläsernen Kette«, initiiert von Bruno Taut (1919), Grundlage für die Zeitschrift »Frühlicht« und »De Stil« (Holland, 1917, T. van Doesburg, P. Mondrian, V. Huszar, B. van der Leck, später J. J. P. Oud u.a.m.) mit der gleichnamigen Zeitschrift.
Paradoxerweise hielt die Internationalisierung des Kontinents auch nach dem Krieg weiter an, die »Neue Baukunst« ist international (Gründung des CIAM, 1928, s.o.). Dies galt als selbstverständlich für eine Architekturgattung, welche das historisch überkommene ästhetische Element und somit die Tradition am Bauwerk aufgab. Die Ästhetik sollte sich aus der Komposition, dem Ganzen des Bauwerks ergeben. Das ästhetische Element reiht sich ein in die Zahl der die Funktion betreffenden Elemente.
So schließt Hilberseimer seine Einleitung zu dem Buch »Internationale Neue Baukunst« (1928): "So wird auch die überraschende Übereinstimmung der äußeren Erscheinungsform dieser internationalen neuen Baukunst verständlich. Sie ist keine modische Formenangelegenheit, wie vielfach angenommen wird, sondern elementarer Ausdruck einer neuen Baugesinnung. Zwar vielfach differenziert durch örtliche und nationale Sonderheiten und durch die Person des Gestalters, im ganzen aber das Produkt gleicher Voraussetzungen. Daher die Einheitlichkeit ihrer Erscheinungsform. Ihre geistige Verbundenheit."(19)
Die Gruppe »De Stil« formuliert den universellen Anspruch des »neuen Zeitbewusstseins« in ihrem Manifest 1918 noch deutlicher (Auszug):
"3. die neue kunst hat das, was das neue zeitbewusstsein enthält, ans licht gebracht: gleichmäßiges verhältnis des universellen und des individuellen.
4.das neue zeitbewusstsein ist bereit, sich in allem, auch im äußerlichen leben, zu realisieren.
5. tradition, dogmen und die vorherrschaft des individuellen stehen dieser realisierung im wege.
6. Deshalb rufen die begründer der neuen bildung alle, die an reform der kunst und der kultur glauben, auf, diese hindernisse der entwicklung zu vernichten, so wie sie in der bildenden kunst ­ indem sie die naturform aufhoben ­ dasjenige ausgeschaltet haben, das dem reinen kunstausdruck, der äußersten konsequenz jedes kunstbegriffs im wege stand."(20)
Ludwig Mies van der Rohe liefert eine weitere Ausführung, welche die neuen Konstruktionsprinzipien als formal­ ästhetisches Merkmal des Bauwerks in den Vordergrund rückt: "Nur im Bau befindliche Wolkenkratzer zeigen die kühnen konstruktiven Gedanken, und überwältigend ist dann der Eindruck der hochragenden Stahlskelette. Mit der Ausmauerung der Fronten wird dieser Eindruck vollständig zerstört, der konstruktive Gedanke, die notwendige Grundlage für die künstlerische Gestaltung vernichtet und meist von einem sinnlosen und trivialen Formenwust überwuchert, im besten Fall imponiert jetzt die Größe und doch hätten diese Bauten mehr sein können als eine Manifestation unseres technischen Könnens ..."(21) Van der Rohe beschreibt im Anschluss den gestalterischen Vorteil der vorgehängten Glasfassade und propagierte somit seine Idee vom »Glashaus« (s.o.).
Ein hervorragender Architekturtheoretiker seiner Zeit ist der Architekt und Städteplaner Le Corbusier. Er verfasste das Programm des CIAM, die spätere »Charta von Athen«. In seiner Analyse der Baukunst beschreibt er die Mechanik der Elemente antiker griechischer Bauwerke. Er bewundert die klare Erscheinung der Funktion, der Statik solcher Gebäude. Die gleiche klare Erscheinung von Funktion erwartet Corbusier von der Baukunst der »Neuzeit«. Corbusier bewundert die funktionale, sachliche Erscheinung neuartiger, industriell gefertigter Güter. Er liebt die schlichte Eleganz, die Proportion moderner Technik (Flugzeuge, Autos und Schiffe). Auf seinen Abbildungen zeitgenössischer Architektur verwendet er oft ein Auto als Signet.
Spektakulär bleibt Corbusiers Plan für die Bebauung des Zentrums von Paris als Geschäftsstadt, der »Plane Voisin« (Voisin bezieht sich auf den Namen eines Autoherstellers, die Firmen »Peugeot« und »Citroën« wurden ebenso um die Verleihung ihres Namens gebeten). Mit dem möglichen Bau eines solchen Stadtviertels ist auch der Abriss alter Stadtteile im Plan vorgesehen. In dem von Hildebrandt (s.o.) übersetzten Buch Corbusiers, »Städtebau« (1929), beschreibt Corbusier die moderne Geschäfts­ und Verkehrsstadt »Plane Voisin«: "Nach dem logischen Lauf der Tatsachen muss Paris, die Hauptstadt Frankreichs, in diesem 20. Jahrhundert seinen Befehlssitz erbauen. Eine reine Analyse hat uns zu dieser Formulierung eines vernünftigen Vorschlags geführt. Jeder Wolkenkratzer kann 20000 bis 40000 Angestellte fassen. Die vorgesehenen 18 Wolkenkratzer können also 500000 bis 700000 Personen bergen, die Armee, die das Land regiert. Die Quadratnetze der Untergrundbahnen befinden sich unter den Wolkenkratzern; die Straßen und die Autofernstraßen werden das ihre tun, um dieser Masse die leichte Beweglichkeit zu sichern. Eine Betonstraße mit erhöhter Autofernbahn lässt die Gleisanlagen des Ostbahnhofs unter sich liegen. Diese neue Hauptverkehrsader, nach Norden verlaufend, wird gewonnen auf bisher nur unvollkommen ausgenutzten Terrains. Eine Nord­ Süd­ Verbindung könnte Ausgang nehmen von dem neuen Zentralbahnhof zwischen Geschäfts­ und Wohncity. Die große Ost­ West­ Verbindung, die heute vollständig fehlt, würde zu einem Bett werden, in das sich der erdrückende Verkehr, der in dem jetzigen vieleckigen Netz versumpft, hineinziehen und sich kanalisieren würde. Die große Verbindungsstraße entlässt uns aus einem System, das sich in sich selbst schließt, und öffnet uns die beiden äußersten Tore nach der Ferne. Die Wohncity im Westen des neuen Bahnhofs schlösse an das Zentrum von Paris wunderbar luftige Viertel an, in denen sich, mit 30 bis 40m Höhe, die Sitze der politischen Regierung erhöben: die vereinigten Ministerien. Außerdem Säle für Versammlungen, Tagungen und weiterhin die Säle für Feste. Endlich die großen Hotels." (22)
Die Bezahlbarkeit eines solchen Großprojektes sollte sich aus der späteren Wirtschaftlichkeit und dem festgesetzten Grundstückswert(mit dem Zeitpunkt der Bekanntgabe der Enteignung) und aus einer Auslandsfinanzierung (Sicherheit vor etwaigen ausländischen Luftangriffen) addieren. Mit der Maßgabe der Enteignung (durch die Enteignung gab es einen festgesetzten Ankaufspreis) spricht Corbusier das Problem aller Städteplaner an. Spätere Diktaturen werden sich radikal über Eigentum an Grund und Boden hinwegsetzen, andere Länder finden sanftere Methoden (Erbbaurecht in England). Hiermit ergeben sich wiederum nationale Unterschiede des Städtebaus.
Die Entwicklung des modernen Städtebaus in der Zeit nach Neunzehnhundert und zwischen den Weltkriegen sei hiermit umrissen, einzelne Ideen und konkrete Beispiele wurden genannt. "Die Zeit nach 1933, die uns konzeptionell und formal als Umkehrung aller Entwicklungen der zwanziger Jahre erscheint, hat sich auf solche Entwürfe zurückbeziehen können." (23)

Halle­ Neustadt
Die ehemals selbstständige Stadt Halle­ Neustadt, 1964 gegründet und 1990 nach Halle eingemeindet, kann ebenso als grandioses Beispiel wie beklagenswerter Irrweg funktionalen Bauens betrachtet werden. Auf der einen Seite eine bedeutende Tradition moderner Architektur (Konstruktivismus – Lissitzky , Bauhaus -- Gropius, Funktionalismus -- Le Corbusier etc.), die Form und Funktion von Gebäuden in einen -- idealen -- Einklang bringen wollte. Auf der anderen Seite das Stigma von sogenannten Arbeiterschließfächern, die nur als Zwischenlager für Menschenmaterial dienen.

Städtebau in der DDR
Als man 1960 mit der Ausarbeitung einer städtebaulichen Konzeption für Halle­ Neustadt begann (damals Stadtbezirk West) konnte man schon auf eine Bautradition in der jungen Republik zurückblicken.
Die Trümmer des 2. Weltkrieges lagen nicht mehr aufgehäuft neben den alten Straßen, die DDR wurde 1949 auf dem Gebiet der sowjetischen Besatzungszone gegründet, das »Nationale Aufbauwerk« hatte »Großes« geleistet. Die Turmhäuser der Stalinallee verkündeten die Bestrebungen, einen sozialistischen Staat nach sowjetischem Vorbild zu errichten. In den stark vom Krieg beschädigten größeren Städten sind jeweils ähnliche bauliche Projekte verwirklicht worden (Berlin, Dresden, Leipzig, Magdeburg).
Erste Grundlagen für den Aufbau einer landesspezifischen Industrie (die Stahlindustrie hatte sich bereits um die Jahrhundertwende im westlichen Teil Deutschlands niedergelassen) waren geschaffen (Eisenhüttenkombinat Ost, Kokskombinat »Schwarze Pumpe«). Angrenzend wurden neue Städte gebaut: Fürstenberg­ Stalinstadt, das spätere Eisenhüttenstadt, und Hoyerswerda.
Bauhausschüler wie Kurt Liebknecht, Richard Paulick, Selman Selmanagic fanden Platz in den Architekturgremien des Landes. Die erste Phase des Aufbaus ist dennoch geprägt vom sowjetischen Import prunkvoller Ensemble.
Die Parteiführung der UdSSR unter Stalin hatte schon im eigenen Land den Bau riesiger »Prospekte« angeordnet. Der Ausbau Moskaus zur sozialistischen Metropole sollte architektonischer Ausdruck für den Sieg Sowjetrusslands sein. Man setzte auf nationale Formen. Die Ideologie des sozialistischen Staates bot den Inhalt, ganz im Gegensatz zu den russischen Futuristen, die der Architektur utopische Inhalte verleihen wollten. Der Begriff sozialistischer Realismus fand hier seine Prägung.
Die neuen Häuser in Dresden, Dessau, Berlin und Rostock knüpften an das »historische Erbe« deutschen Kulturguts und regionaler Stile an. Rostock erhielt seinen gotischen Backsteingiebel, Dessau die klassizistische Allee im Stil seiner Fürsten, Berlin bekam seinen Kuppeltürmeeingang (Stalinallee), das Tor zur Hauptstadt.
Der Formalismus, beispielsweise Kuben und »Wohnkästen« als Architektur der Moderne, war verpönt. Es galt als kapitalistische Idee, Arbeitskräfte nur zweckmäßig unterzubringen. Stalin geißelte die Moderne mit dem Begriff »Paradeinternationalismus«.
Nach der ersten Phase des Aufbaus in der DDR folgte die Ernüchterung über die angefallenen Kosten. Eine gewisse politische Unsicherheit nach dem Tode Stalins im März 1953 kam hinzu, man wusste nicht, welche Direktiven man von dem Nachfolger aus Moskau zu erwarten hatte. Die politische Situation im Land verschlechterte sich. Im Mai 1953 wurde die Erhöhung der Norm um mindestens 10% bei gleichem Lohn vom Ministerrat der DDR gefordert, um Bauzeit und Baukosten für die Realisierung der Aufbaupläne zu verringern. Der Zorn der Arbeiter der Stalinallee in Berlin über den Beschluss mündete in den Aufstand vom Juni 1953.
Im September 1953 wurde Nikita Chruschtschow als erster Sekretär der KPdSU in seinem Amt bestätigt. Unter Leitung von Chruschtschow vollzog die Staatspartei einen Kurswechsel, auch im Städtebau: eine Wohnung für jedermann als Konsumgut. Somit waren die »Zuckerbäckerstilfassaden« aufgegeben. Die industrielle Vorfertigung galt als Maxime für schnelles und kostengünstiges Bauen. Der Städtebau der DDR folgt dieser Maxime. Auch der alleinige Einsatz der Plattenbauweise im Städtebau war ein sowjetischer Import.

Der Plan
Der Bau von Halle­ Neustadt als »Chemiearbeiterstadt« gilt als eines der größten städtebaulichen Vorhaben der DDR. Die Planung für eine Bebauung des Brachlandes westlich der Altstadt von Halle sah zunächst den Bau eines weiteren Stadtbezirks (Halle­ West) vor. Diese Stadterweiterung war für die sozialistischen Planer historisch legitimiert, die KPD hatte bereits vor 1933 einen neuen Stadtteil gefordert um insbesondere der Arbeiterschaft angemessenes Wohnen zu ermöglichen.
Zwar hatte man schon im zweiten Jahrzehnt des Jahrhunderts und in der Zeit der Weimarer Republik einiges für den Siedlungsbau und die Stadterweiterung um Halle getan. Nach der zweiten Auflage Howards Buch »Garden Cities of Tomorrow« (s.o., 1. Auflage »Tomorrow«) hatte sich 1902 die »Deutsche Gartengesellschaft« gegründet. Die damit verbundene Idee von der Siedlung als Gartenstadt, führte auch in Halle zum Bau solcher Siedlungsanlagen(Gartenstadt »Am Mühlrain«, »Gartenstadt Brehna«, Wohnanlage »Wörmlitzer Platz«, Hermann Frede).
Dennoch: Die Ausdehnung der Stadt verlief gedrängt zwischen den Gleisanlagen im Osten und dem Hochufer der Saale im Westen. Die dadurch bedingte einseitige Nord­ Süd­ Ausdehnung erstreckte sich auf einer eine Länge von circa 10 km. Um die Komplexität der Stadt nicht gänzlich aufzugeben, erschien eine Prüfung auf mögliche Bebauung des Gebiets westlich der Saale ratsam.
Man hatte noch Ende der fünfziger Jahre an den Umbau des Stadtzentrums gedacht, um den sich ankündigenden wachsenden Bedarf an Wohnraum in der Industrieregion zu decken. Hierzu folgende Ausführung: "Für die Unterbringung des für die sechziger Jahre geforderten Wohnungsneubaus in einer Größenordnung von etwa 20000 Wohnungen innerhalb der kompakten Stadt hätte nur das Zentrum in Betracht gezogen werden können, das dann allerdings komplex umzugestalten gewesen wäre. Damals waren aber weder die wissenschaftlichen Erkenntnisse, praktischen Erfahrungen und stadtplanerischen Vorarbeiten noch die ökonomischen und technisch­organisatorischen Möglichkeiten für ein Vorhaben dieser Dimension vorhanden." (24)
Traditionelle Baugewerke waren bereits sozialistischer Wirtschaft­ und Strukturpolitik, insbesondere der Maxime »Industrialisierung des Bauwesens«, zum Opfer gefallen. Für eine behutsame Stadtentwicklung war es mehr als 15 Jahre nach dem 2. Weltkrieg zu spät. Die Zeit drängte, die in der nahegelegenen chemischen Industrie arbeitende Bevölkerung musste untergebracht werden. Die Werke Buna und Leuna wurden nach dem Krieg wieder aufgebaut und erweitert. Die Kombinate Bitterfeld, Wolfen­ Greppin, Leuna II und Buna­ Schkopau waren das Zentrum der chemischen Industrie der DDR. Zu den territorialen Produktionskomplexen gehörte der jeweilige territoriale Wohnkomplex sozialistischer Prägung, der Begriff »Ballungsgebiet« galt als kapitalistisch verpönt.
Bereits 1959 begann man mit der Untersuchung möglicher Flächen für eine komplexe Bebauung. Die Entscheidung fiel auf das Gelände zwischen Passendorf und Nietleben auf westlicher Seite der Saale, gegenüber der Altstadt. Wichtiges Kriterium war die verkehrsgünstige Lage zu den Produktionsstätten (Buna, Leuna). Außerdem konnten bestehende Gleisanlagen als Strecke für eine Schnellbahn zu den Werken ausgebaut werden. Die Anbindung an die Altstadt erfolgte durch den Bau einer Brücke über die Saale. Über eine erweiterte Trassenführung parallel zum Verlauf des Altstadtzentrums war die Anbindung an den Fernbahnhof möglich. Geringe Höhenunterschiede der Bauflächen schienen ideal für eine gleichmäßige Bebauung in bezug auf Besonnung der Wohnungen. Die Windrichtung erwies sich als günstig, da die Abgase der nahegelegenen chemischen Werke selten in die Richtung der Baugebietsfläche ziehen. Als wichtiges Kriterium galten die möglichen Reserveflächen des Areals. Der künftige Stadtteil sollte sich ausdehnen können, dies als Erfahrung vorhergegangenen Städtebaus.
In später Besinnung auf die Moderne setzte man auf den Bau einer großzügig angelegten Stadt mit hohem Grünflächenanteil. Selman Selmanagic konnte schon in Hoyerswerda und später in Schwedt den Plan der »Junkerssiedlung« (Dessau, 1932) in Ansätzen weiter verfolgen. Nachdem führende Städteplaner der DDR zunächst auf den Bau komplexer sozialistischer Stadtzentren gesetzt hatten und weiträumig angelegte, aufgelockerte Stadtbebauungspläne als »Zersiedlung« ablehnten, kann man Halle­ Neustadt als Kompromiss begreifen.
Die vorbereitende städtebauliche Planung erfolgte in den Jahren 1960­63 im Entwurfsbüro für Gebiets­ Stadt­ und Dorfplanung Halle unter der Leitung von Ernst Proske und Gehard Kröber, eine vorläufige Konzeption für den ersten Wohnkomplex (WK 1) wurde bis zum 26. April 1961 ausgearbeitet. Gemäß dem Grundsatz nach Artikel 21 der Verfassung der DDR, es gebe ein "Recht auf Mitbestimmung und Mitgestaltung des Sozialismus", werden Vorentwürfe der Konzeption bereits im Januar und Februar 1961 im »Neuererzentrum« in Halle vorgestellt. Auf ausgeteilten Fragebögen können Hallenser weitere Vorschläge oder Kritik zur Sprache bringen. Dies Beispiel sozialistischen PR­ Verhaltens. Im Juni des selben Jahres, anlässlich der 1000­ Jahrfeier der Stadt Halle, verteilen Proske und Kröber ihre Schrift »Der Schritt in das sozialistische Jahrtausend«. In dem Text wird Neustadt als Stadtteil mit einem eigenständigen Zentrum beschrieben, um welches sich mehrere Wohnkomplexe mit einer jeweiligen Einwohnerzahl von circa 10.000 gruppieren. Die sozialistische Großstadt mit ihrem eigenen Zentrum wird propagiert.
Bis zum Baubeginn 1964 wird der Plan für den neuen Stadtteil immer wieder überarbeitet. Der planerische Verlauf des Stadtteils beschreibt den Übergang vom Bau viergeschossiger Häuser zum Bau der acht­ und zwölfgeschossigen langgestreckten Wohnblöcke. Die ursprüngliche Fassung des WK 1 wird zugunsten einer höheren Bewohnerdichte modifiziert.
Der neue Stadtteil sollte aus zunächst 5 Wohnkomplexen bestehen, welche sich halbkreisförmig um das nach Osten Richtung Altstadt geöffnete Wohnbezirkszentrum lagern. Der eigenständige Stadtteil sollte mit dem Verlauf der Magistrale nach Osten an Halle angebunden sein. Für die einzelnen Wohnkomplexe waren zunächst »Wohnkomplexzentren« mit den Bereichen Versorgung, Erholung und Bildung geplant, die von allen Bewohnern zu Fuß erreichbar sein sollten. In den Zwischenräumen weiträumig gegliederter Wohngebiete waren weitere gemeinschaftlich zu nutzende Flächen für Erholung vorgesehen, Spielplätze und Grünanlagen, mit Plastiken und Skulpturen, sollten den Charakter des »Wohnkomplexparks« entwickeln.
Der Aufbauplan war an ein Verkehrskonzept gebunden, welches den Erschließungsuntersuchungen des Geländes entsprach (s.o.). Die Führung einer Magistrale mit ihrem Verlauf von Ost nach West als Hauptverkehrsader stellt sich als Rückgrat des Stadtteils dar und lässt sich mit der Haupttrassenführung von Brasilia vergleichen. Erste große Blöcke, »Elfgeschosser«, sind nördlich parallel in weitem Abstand zur Straße geplant (WK 1 und 2). Das übrige Verkehrsnetz wird so angelegt, dass einzelne, die Magistrale kreuzende »Sammelstraßen« die Randlage an die Trasse binden. Die Flächen, die sich somit auf beiden Seiten der Magistrale ergeben, bilden die Grenzen jeweiliger Wohnkomplexe. Die Straßenführung innerhalb dieser Flächen verläuft einseitig um größere Wohnblöcke, einzelne weite Flächen zwischen den Häusern sind gänzlich frei von Autoverkehr. Kleinere Anliegerstraßen sind als Sackgasse konzipiert, um Durchgangsverkehr auszuschließen. Der Bau eines S­Bahnhofes im Zentrum der Stadt war fester Planungspunkt, im gesamten Zentrum verliefen die Gleise unterirdisch und kreuzten die Magistrale so nur indirekt, auf beiden Seiten der Trasse befanden sich Einstiege zu den Haltestellen. Dieser Verkehrsnetzplan fand über die Jahre mit Bau des S­Bahnhofes (WK 5, 1969/70, Stahlskelettbau mit Vorhangfassade) seine Realisierung.
Ich hatte bereits den Paradigmenwechsel von einem komplexen sozialistischen Stadtzentrum zum aufgelockertem Stadtbild genannt. Um an dieser Stelle die Besonderheit der Verkehrsnetz­ und Flächenplanung für die damalige Zeit hervorzuheben und nochmals auf die Bedeutung der Magistrale für die Stadtkonzeption einzugehen, nachstehender Auszug aus einem Interview mit Wulf Brandstädter (Neustadt­ Architekt):
"I. Wenn man als Architekt irgend etwas mit Neustadt zu tun hatte, gab es da eine spezifische Herausforderung dort zu arbeiten? Oder war das eher so eine Art Legokasten, dass man also die Häuser genommen hat und hin und her geschoben hat und geguckt hat, ob sie ordentlich zueinander stehen. Und dann wurde das so gebaut?
B. Nein. Ich meine, das war schon eine Herausforderung. Das war die Auffassung des Städtebaus der siebziger Jahre. Es ist ja immer so, dass sich auch durch die Geschichte des Städtebaus unterschiedliche Auffassungen ziehen. Wenn sie die Charta von Athen in den dreißiger Jahren nehmen, dann war man also der Meinung, dass man mehr Grün in die Städte bringen sollte. Was ja nun auch wahrlich keinen Fehler darstellt, dass man aber das Arbeiten und das Wohnen trennen sollte. Bedingt natürlich durch die Situation des ungeheuren Überbauungsgrades in den damaligen Großstädten, mit den drei, vier Hinterhöfen. Und mit völlig unzulänglichen hygienischen Bedingungen, war das nun der Gegenpendelausschlag. Aber nach meiner Auffassung ist der Städtebau, der sich aus den schon von mir erwähnten Straßen und Plätzen, also durch schmalere Räume und weitere Räume ergeben hat, und die in einer interessanten Abwechslung, der sich über Jahrhunderte gehalten hat, ist der durch nichts Besseres ersetzt worden. Und so war das eben aber in den siebziger Jahren. Und wenn sie sich das mal international anschauen, dann war das eben ein internationaler Zug der Zeit, solche »Blöcke« in das Grün hinein zu komponieren. Und da war also durchaus eine städtebauliche Idee mit dem Rückgrat der Magistrale und an diese Magistrale, an diese mittige Hauptstraße, dann die einzelnen Wohnkomplexe ranzuhängen. Das war schon eine gute städtebauliche Leistung für die Zeit, als Halle­ Neustadt gebaut wurde.
... Und dann, ich hatte mich ja nun schon zu dieser etwas unglückseligen, in meine Augen unglückseligen, Entwicklung »Chemiearbeiterstadt« geäußert, war das natürlich eine sehr gute Verbindungsmöglichkeit zu den Werken Buna und Leuna. Denn sie wissen ja, es bestand dann diese direkte S­ Bahn­ Verbindung in die Werke. Und das konnte man dann wieder ganz ausgezeichnet an das bestehende Bahnsystem anschließen. Ansonsten haben sicherlich zu der Zeit einige Entwicklungen, vielleicht auch besonders, möchte ich mal sagen, für das Zentrum in Halle­ Neustadts, Stockholmer städtebauliche Entwicklungen dort Pate gestanden. Denn wenn sie sich das angucken, in Stockholm, dann sehen sie also auch so eine ganze Reihe von Scheiben, wie in Halle­ Neustadt diese HMB­ Scheiben und flachere Baulichkeiten dann gewissermaßen angelagert. Da gibt es schon gewisse Parallelen. Und ich halte das durchaus, für die damalige Zeit, für eine tragfähige und für eine gute städtebauliche Idee. An diese Hauptachse, an das Rückgrat, dann die einzelnen Wohnkomplexe anzugliedern, die in sich wieder eine funktionierende Einheit darstellen, mit Einkaufmöglichkeiten, mit medizinischer Versorgung, mit Bildungseinrichtungen. Durchaus eine interessante Überlegung."

Der Bau
Am 15. Juli 1964 legte Horst Sindermann (damals 1. Sekretär der SED­ Bezirksleitung Halle) auf dem für den Bau einer ersten Schule bestimmten Gelände den Grundstein für den Aufbau Neustadts. Auch dies bedeutete eine Symboltat, die Entwicklung der neuen Stadt sollte einhergehen mit dem Heranwachsen einer sozialistisch erzogenen Jugend. Die Planer rechneten mit dem Zuzug hauptsächlich junger Familien, häufig waren beide Elternteile berufstätig. Daher waren bereits in der Konzeption für den Bau der jeweiligen Wohnkomplexe neben den Schulen auch Kinderkrippen und Kindergärten vorgesehen.
Im Jahr der Grundsteinlegung wurde Richard Paulick zum Chefarchitekten und Leiter der Städtebaukommission Halle­ West ernannt. Der Aufbau dieses Stadtteils, der künftigen Stadt Halle­ Neustadt, hatte begonnen.
Parallel dazu erarbeitete man einen weiteren neuen Gesamtplan für den Bau des Stadtteils. Ein Wettbewerb mit vorgegebenen Richtlinien (Magistrale, Wohnkomplexe mit einer Einwohnerzahl von inzwischen 12.000, zentraler Platz und Stadtteilzentrum) wurde durchgeführt. Die Bauakademie wurde zur weiteren Ausführung bestimmt. Am 17. September 1963 beschließt die SED­ Führung die beschleunigte Entwicklung der Petrochemie und damit den unverzüglichen Baubeginn des neuen Stadtteils für die Beschäftigten der chemischen Industrie um Halle. Nur so lässt sich die Überschneidung von Baubeginn und Planung erklären. Mit dem Wachstum der chemischen Industrie wurde die Ausweitung der Stadt auf die Reserveflächen bereits schon für die achtziger Jahre prognostiziert.
Der geplante Stadtteil Halle­ West erhält im Zusammenhang oben genannter ZK­ Direktive den Beinamen »sozialistische Stadt der Chemiearbeiter«. Später, im Mai 1967, bekommt Halle­ Neustadt nach Erlass des Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht Stadtrecht.
Die Errichtung der Stadt war in Montagebauweise vorgesehen, man hatte hierzu bereits beim Bau von Hoyerswerda nötige Erfahrungen gemacht. Das erste Plattenbauwerk der DDR entstand in Hoyerswerda. Bereits 1958 wurde dort mit der serienmäßigen Montage der ersten Wohnbauten begonnen. Die DDR­ Führung pries die fortschreitende Industrialisierung des Bauwesens als Zeichen der »wissenschaftlich­ technischen Revolution des Sozialismus«. Im Februar 1964 werden erste Aufschließungsarbeiten für das Plattenbauwerk Halle­ Neustadt auf dem Gelände des späteren Versorgungsgebiets unternommen.
"2. August 1965 Um 6.23 Uhr wird der Mischer im neuen Plattenwerk Halle­ Neustadt eingeschaltet, damit beginnt die Produktion." (25)
Peter Morgner (Neustadt­ Architekt) beschreibt in einem Interview (Auszug) Ursachen, Folgen und Möglichkeiten der Plattenbauweise:
"M: Wir waren ja festgelegt auf Plattenbau. Ursprünglich eine deutsche Erfindung, später nach dem Krieg in Frankreich sehr beliebt, in Westdeutschland eine große Sache, haben die Russen angefangen, alles als Platte zu machen. Erst wurde noch gemauert, doch in den sechziger Jahren wurde Vorfertigung modern. Über den Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe breitete sich das im ganzen Osten aus. Das Schlimmste war, dass die russischen Plattenwerke importiert wurden. Die konnten genau ein Haus. Die DDR­ Plattenwerke waren wenigstens in Grenzen flexibel, bestimmte Grundformen konnten im sogenannten Sechs- Meter­ Raster variiert werden: das Fenster ein bisschen nach links oder nach rechts. In den letzten Plattenwerken, die hier aufgestellt worden sind, war alles genormt. Wenn man ein Haus ein bisschen verändern wollte, passte nichts mehr zusammen.
I: Die Form wurde wie die politischen Zustände immer unflexibler?
M: Das kann man so sagen.
I: Wurde hier eine verspätete Avantgarde gebaut, die nach einer kompletten Runde durch ganz Europa endlich im Ostblock angekommen war?
M: Das ist sicher dem Nachholbedarf nach dem Krieg zuzuschreiben. Außerdem war es eine billige Methode, schnell Häuser hinzustellen. Und dann spielte sicher auch der Glaube eine Rolle, dass Bauen irgend etwas mit Industrie zu tun hat. So sollte eine Effektivität erreicht werden, die man auf einer herkömmlichen Baustelle nicht hat. Die Arbeit auf der Baustelle hat den Vorteil, dass man individueller sein kann. Die Tatsache, dass ein Haus dann vielleicht hundert Jahre steht, wird aber mit einer längeren Bauzeit erkauft. Sicherlich war es so, dass nach dem Krieg schnell viele Wohnungen gebaut werden mussten, weil die Städte zerstört waren. Im Westen lief das ja erst einmal ähnlich, wenn auch etwas subtiler.
I: Spielte die Vision eines humanen Bauens, dass also die Architektur auf die Bedürfnisse der Menschen ausgerichtet ist, eine Rolle?
M: In einer Stadt wie Halle, die von Kriegsschäden fast verschont wurde, war genügend Substanz da. Nun hätte man diese Substanz wieder herstellen können, wie man es heute macht. Aber aus Gründen einer falschen Strukturpolitik wurde das unterlassen. Das ging schon in der Berufsausbildung los. Sie hätten mal in den sechziger Jahren sagen sollen, sie wollen Pflasterer werden: Den Beruf gab es gar nicht mehr. Im Wohnungsbau, wie er praktiziert wurde, konnte man auch ungelernte Arbeiter einsetzen.
I: Man sparte schon an der Ausbildung?
M: Ja, man brauchte keinen Zimmermann mehr, keinen Maurer, keinen Putzer. Manchmal haben das sogar Strafgefangene gemacht.
I: Die Szenerie auf den Baustellen änderte sich?
M: Auf der Baustelle als Maurer zu arbeiten ist ja unangenehm. Es kann regnen, es kann schneien, man wird schmutzig oder friert...."
In Projektierungsbüros und Plattenwerken werden im Zeitraum 1960­ 70 weitere Elemente für die industrielle Fertigung erarbeitet. Die Baustellen der Stadt werden in Montageplätze umgewandelt. Deckenplatten, die Wände der einzelnen Räume und fertige Badzellen müssen auf der Baustelle nur noch montiert werden. Die Fassadenplatten werden bereits mit Fenstern geliefert, für die Aufgänge werden vorgefertigte Treppen an Absatzplatten montiert. Die Badzellen dienen als Lager für kleine Elemente, welche für die Komplettierung der Wohnung nötig sind. In den Bodenplatten sind Aussparungen für die jeweiligen Versorgungsstränge vorgesehen, die Verbindungen einzelner Platten werden besonders im Außenbereich mit Kunststoffen verfugt. Bei dieser Bauweise kommt es jedoch zu gravierenden Verzögerungen, wenn durch Materialengpässe oder durch die Verwechslung von Elementen der Ablauf der Montage gehemmt wird. Nachstehende zeitgenössische Schilderung beschreibt solche Probleme und klärt zugleich die Gründe für die wachsende Uniformität:
Gosse: "Haben sie als Architekt Möglichkeiten, die Elementezahlen zu verringern?"
Prof. Paulick: "Also, wir hier als Büro des Chefarchitekten nicht direkt. Es liegt z.T. an der mangelhaften Koordinierung der Arbeit in den Projektierungsbüros. Halle­ Projekt sitzt hier nebenan, die arbeiten da in fünf Etagen, und in allen Etagen fast werden fünfgeschossige Gebäude projektiert, z.B. das Heizrohr. In der einen Etage wird es in 12cm Abstand von der Ecke angeordnet, in der nächsten 10, in der nächsten 15, so dass da geringe Differenzen sind. Für das Betonwerk ist das ein neues Element. Plausibler ist es noch bei Türen. Der eine nimmt hier einen Abstand von 2,40m, der nächste rechnet sich aus, er braucht nur 2,38m, der nächste hat 2,41m. Solche Differenzen von 1­3 cm, das koordinieren die nicht. Und ich habe ihnen gesagt: wir müssen uns mal zusammensetzen und diese Blätter einfach mal aufeinanderlegen und mal gucken, wo sind diese Minimaldifferenzen und wie kann ich das ausschalten. Die haben zwar zwei Mädchen sitzen, die wenn so ein Element kommt da unten eine Nummer drauf schreiben und das registrieren und feststellen, dass es vorhanden ist, aber die gucken sich nicht das Ding an und sind auch nicht qualifiziert dazu...."
Der Referent des Direktors im Büro des Generalauftragnehmers führt weiter aus:
"Es ist ja selbstverständlich ­ die Architekten bemühen sich um Vielfalt. Aber da kommen eben Sonderlösungen zustande, Verbindungsstücke zwischen zwei Blocks. Diese machen erstens neue Bauelemente erforderlich, jedenfalls bringen sie sie mit sich. Zweitens gehen die Unterlagen der Projektierung verspätet zu. Wie gesagt ich verstehe die Architekten, sie wollen nicht nullachtfünfzehn bauen, ... 2300 Wohnungseinheiten im Jahr, müssen die Batterien usw. dauernd umrüsten, Verwechslungen zwischen fast gleichen Elementen finden statt, 20% Stillstandszeiten bei der Montage, ...." (26)
Man versucht in Folge, die einzelnen Elementetypen in ihrer Form anzugleichen, lediglich verschiedene Materialien wie Spaltklinker, Kiesel, Waschbeton und Keramikplatten sollen die Fassade unterschiedlich darstellen. Paulick schlägt eine Art Plattenskelettbauweise vor, die Herstellung nichttragender Wände aus leichteren Stoffen soll die Plattenwerke entlasten. Paulick orientiert sich an Beispielen anderer Länder (CSSR), wo Fassaden eine Konstruktion aus Metallvorhängewänden besitzen. Bereits in Plänen der zwanziger Jahre gab es die Idee der beweglichen Wände und vorgehängten Fassaden, auch die Skelettbauweise ist bereits in dieser Zeit bekannt gewesen. Man hatte diese Ideen beim Bau Neustadts kaum aufgenommen, mangelnde Flexibilität und Rohstoffmangel werden ein Grund gewesen sein. Die inzwischen klassische Skelettbauweise wurde in den siebziger Jahren abgewandelt auch bei mehreren Hochhäusern praktiziert (monolithisches Großschaltafelverfahren, teilweise mit vorgefertigten Vorhangelementen, WK 3 und 6; Zentrum). Solche Projekte wurden seltener verfolgt, sie waren an bestimmte geotechnische Kriterien gebunden und somit nicht universell einsetzbar. Die Monolithbauweise widersprach der Maxime von der industriellen Vorfertigung. Bei den Fla