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Radio Corax über Halle-Neustadt... 31.01.2202

Veröffentlicht am Sonntag 24 August 2003 13:54:37 von pawel
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kunst.jpgGehörgang
4. Oktober 2002

Versuchsweise hier einmal eine ganze Sendung online, damit sich diese aufw(a)endigen Dinge nicht einfach so versenden. In einer Mischung aus Manuskript und kurzen Real-Audiodateien soll die Sendung unabhängig vom Sendedatum hörbar bleiben. Seite und Audiodateien können auch heruntergeladen und in Ruhe angehört werden, was sich bei der komplexen Thematik anbietet. Ältere Beiträge sind jetzt im Archiv zu finden.

Nahaufnahme: Südpark

von Hans Dietmar Sievers

Am 15. Juli 1964 wurde der Grundstein für die Großsiedlung Halle-West gelegt, das spätere Halle-Neustadt. Der Dichter Werner Bräunig beschrieb ihren Aufbau in einem Anthologie-Beitrag:
"Halle-Neustadt ist schon Stadt und noch Bauplatz der Superlative: Erste voll montierte Stadt Europas. Größter Wohnungsbauplatz in Mitteleuropa. Wohnungen für 35 000 Einwohner in knapp sechs Jahren; wenige Jahre später werden es 100 000 sein. Jüngste Stadt der Republik und Stadt mit dem niedrigsten Durchschnittsalter. Sozialistischer Städtebau: der Generaldirektor wohnt im gleichen Hause wie der Chemiefacharbeiter, gleicher Grundkomfort zu gleichen Grundpreisen, zentralisierte Versorgungseinrichtungen, moderner Schnellverkehr, erstklassige Schulen und Kindereinrichtungen.
Wer nun, etwa aus Eisleben oder Buna kommend, die Silhouette der neuen Stadt sieht; und wer eine der neuen, hellen, bequemen, fern geheizten, mit Einbauküchen und Einbauschrankwänden und Loggien versehenen Wohnungen bezogen hat; wer einmal heimisch geworden ist in dieser Stadt, der wird sie und ihre Erbauer loben."
Die Stadt und ihre Erbauer werden heute kaum noch gelobt. Zumeist kommen die mittelostdeutschen Plattenbausiedlungen unter dem Stichwort Leerstand als Problem zur Sprache. Nach der politischen Wende wurden dank üppiger Bauförderungen im Fünfneuland etwa 800 000 Wohnungen neu gebaut und mehr als 3,6 Millionen modernisiert. Gleichzeitig trieb eine massive Deindustrialisierung Millionen Menschen in die westlichen Bundesländer. Die besondere Situation in Halle beschreibt Frau Dr. Gesine Haerting, Stadträtin in der HAL-Fraktion:

O-TON 1: Halle allgemein

Es wird also abgerissen, wenn auch vorerst nur auf der Silberhöhe. In Halle-Neustadt sind bereits einige 11-Geschosser leergezogen, in der Hettstedter Straße 2 und 4 sowie in der Wolfgang-Borchert-Straße 70 und 71. Sozusagen draußen vor der Tür erwischt es vor allem markante Plattenbauten in Nord-Südrichtung, die der freien Sicht vom Rathaus aus ins Mansfelder Land entgegenstehen könnten. In der Perspektive soll dann auch ein ganzes Stadtviertel abgerissen werden. Und spätestens hier muß ich mich mal selbst als Betroffener outen, ich (H. D. Sievers) wohne auch im Südpark und habe in dieser Angelegenheit den Vorstandsvorsitzenden unserer Wohnungsgenossenschaft befragt, Herrn Wolfram Nagel:

O-Ton 2: Die Genossenschaft

Der Name Passendorf ist schon ein paarmal gefallen. Um zu verstehen, was die alten und neuen Passendorfer bewegt, werfen wir einen Blick in eine Veröffentlichung des örtlichen Heimatbundes:

Im Jahre 1091 wurde Passendorf erstmalig urkundlich erwähnt, als "Bastendorf" in einer Schenkungsurkunde des Bischofs Werner von Merseburg.
1244 richtet der Deutsche Orden in Passendorf einen Wirtschaftshof ein, aus dem sich später das Rittergut entwickelt.
1561 Baubeginn einer ersten Kirche, Passendorf wird kursächsische Enklave in der preußischen Provinz Sachsen.
Nach 1700 entwickelt sich Passendorf zunehmend zum Ausflugsort für Halles Bürger und Studenten. Hier trinkt man das beliebte Merseburger Bier zollfrei, von hier aus schmuggelt man preiswerte sächsische Waren ins preußische Halle. Hier finden Mitglieder von verfolgten Studentenverbindungen Zuflucht.
1722 Beginn des Aufbaues einer neuen Kirche.
1723 Der Mathematiker und Philosoph Christian Wolff hält sich nach seiner Vertreibung aus Halle in Passendorf auf.
1752 Bau eines neuen Schulhauses (des heutigen evangelischen Pfarrhauses).
1772 In Halle wird ein Theaterbann verhängt und Passendorf entwickelt sich zum "Theaterdorf". Die "Oberschenke" gilt als erstes festes Theater für Halle und Umgebung. (Heute befindet sich dort eine Tankstelle). Erst nach 1804 können die Theater in Bad Lauchstädt und Halle das Publikum wieder für sich gewinnen.
1815 Passendorf wird preußisch und entwickelt sich zum Industriestandort mit drei Ziegeleien und einem Eiswerk.
1875 wird die Freiwillige Feuerwehr Passendorf gegründet, die seither ununterbrochen im gesellschaftlichen Leben präsent ist.
1882 Bau eines zweiten Schulhauses.
1898 Das neue Gutshaus wird erbaut, das heutige "Schlößchen".
1900 Bau eines dritten Schulgebäudes und des Strandbades.
1950 Passendorf wird nach Halle eingemeindet.
1964 Nördlich des Dorfes beginnt der Aufbau von Halle-Neustadt, wobei auch Teile der alten Siedlung überbaut werden. Als nach 1980 das "Wohnungsproblem als soziale Frage" immer noch nicht gelöst ist, beginnt die Bebauung des heutigen Südparkgeländes, wobei Schweineställe, Lagerhallen, eine Ziegelei, Kleingärten und Bauschutthalden den Plattenbauten weichen müssen.
1990 Der Heimatbund Passendorf e.V. wird gegründet, der neben dem Halle-Neustadt-Verein, der evangelischen Kirchengemeinde und der Freiwilligen Feuerwehr Passendorf für den Ortsteil aktiv ist.


Halle-Neustadt überlebte sowohl die politische Wende als auch den Teutschenthaler Gebirgsschlag relativ unbeschadet. Die Bombe platzte erst am 9. November 2001, als ein Hamburger Unternehmer in einer Boulevardzeitung eine ganzseitige Anzeige schaltete. Gesine Haerting fand es verwerflich:

O-Ton 3: Die Anzeige

Der Herr Baudezernent Bußmann ist also zurückgerudert, kurz vor seinem Ausscheiden aus dem Amt.

Sehr geehrter Herr Nagel,
wir räumen ein, daß die Wohnungsgenossenschaft am Südpark e.G. bisher nicht in ausreichenden Maße in den Abwägungsprozess einbezogen wurde. In der Beratung der Wohnungsplattform am 13.08.2001 wurde das vorhandene Abstimmungsdefizit mit der WG Südpark durch mich eingeräumt und gleichzeitig der Vorschlag für ein klärendes Gespräch mit Ihnen unterbreitet. Ich lade Sie deshalb für Freitag, den ...
gez. Dr. Bußmann

Ja schön, aber wie weit ist diese Haltung auch bei Stadtrat und Verwaltung angekommen? Mir ist bei meinen Gesprächen eher die Haltung begegnet, daß man froh ist über jede Fläche, die geschliffen wird. Eine bekannte Bundestagsabgeordnete hat das in grob vereinfachende Parolen gefasst: Keinen Schweizer Käse zulassen! Gemeint ist, daß unbedingt alles flächenhaft plattzumachen ist. Eine andere Parole war: Erst Schlankheitskur, dann Schönheitskur! Auch Gesine Haerting ist eher für eine Schlankheitskur ohne Schweizer Käse:

O-Ton 4: Die Hungerkur

Die Südpark-Genossenschaft ist jetzt in die Gremienarbeit eingebunden und hat die Hoffnung, materielle Verluste begrenzen zu können, aber nach wie vor lastet auf dem ganzen Stadtviertel der Bannfluch: "Langfristig flächenhafter Gebäudeabbruch angestrebt".

O-Ton 5: Freigelenkt

Und für diese Randlage lohnt es sich zu kämpfen. Aber wir haben ja hier den beliebten Verwaltungs- Rechtsstaat mit Legislative, Exekutive und Judikative. Ist da eine Klage gegen die Legislative der richtige Weg?

O-Ton 6: Die Klage

Vor zwei oder drei Jahren gab es beim Südparkfest einen Malwettbewerb für Kinder: Wie stelle ich mir meine Wohnumgebung in zehn Jahren vor? Vielleicht sollte man soetwas nocheinmal machen und die Erwachsenen einbeziehen?

O-Ton 7: Ausblicke

Ich danke Frau Dr. Gesine Haerting und Herrn Wolfram Nagel für das ausführliche Gespräch. In einer zukünftigen Sendung soll es um die Haltungen und Meinungen von ganz normalen Südpark- Bewohnern gehen. Nicht als Betroffenentalk, sondern eher im Sinne eines akustischen Malwettbewerbs. Bis dahin wünsche ich Ihnen allen eine gute Zeit. (Absage)

Diese Sendung wurde am 31.01.02 um 18.00 Uhr auf Radio Corax ausgestrahlt, Wiederholung am 01.02.02, 10.00 Uhr.

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